Vollkommen subjektiver und unfreundlicher Text über einen Abend, der so hätte nie stattfinden dürfen:
Gestern war ich auf der Wikimedia Diskussionsrunde in den Räumen des Wikipedia Vereins Deutschland. Wie kam ich da hin? Andreas Baum, Landesvorsitzender Piratenpartei Berlin war einer der Glücklichen 42, die mit ihrer Anmeldung durchkamen und nachdem er nicht konnte fragte er mich, ob ich nicht Lust hätte mir das mal anzusehen. Hatte ich. Auch, weil mein Freund Pavel auf dem Podium saß und ich mal schauen wollte, ob er sich meine Tipps was rabiate Wortbeiträge angeht zu Herzen genommen hat. Ich kann verraten: Hat er ein bisschen, was mich heimlich stolz macht.
Ich kam etwas zu spät aber noch früh genug um einen großen Teil der Einführung von Geschäftsführer Pavel Richter zu hören. Dann legte der andere Pavel los und fasste im Grunde genommen nochmal seinen sehr guten und viel gelesenen Artikel „99% aller Deutschen sind irrelevant“ zusammen. Derweil twitterte ich mir die Finger wund, weil der Stream wohl sehr schlecht war und zwischenzeitlich ganz ausfiel. Was mich von Anfang an wunderte waren die Räumlichkeiten in denen die Diskussionsrunde stattfand. Zwar sind sie als Büro für den Wikipediaverein äußerst gut geeignet und der Stuck an der Decke ist auch schicko, eine Podiumsdiskussion aber über zwei Räume zu verteilen, mit schlechter Audiotechnik, das funktioniert nicht gut und so kam es auch immer wieder vor, dass aus dem anderen Raum in der die eine Hälfte der Zuhörer saß, immer wieder „lauter“ Rufe kamen.
Der Reihe nach kamen alle dran, besonders gern hörte ich dem attraktiven Johnny Haeusler von Spreeblick zu, weil er halt so gut gekleidet war und ich mir dachte, ich muss mir ein paar neue Hemden und Anzüge kaufen, aber sofort. Ansonsten machte Haeusler auf mich den Eindruck, dass er selbst nicht so ganz wusste warum er eigentlich auf dem Podium sitzt. Früher zu gehen weil man noch einen anderen Termin hat ist da nur konsequent, haha. Großartig, mitten in ner Podiumsdiskussion aufstehen und sagen, dass man weg muss, mehr in your face geht meiner Meinung nach eigentlich nicht, spricht natürlich auch für eine schlechte Organisation seitens der Wikimedia, egal wie wichtig und toll ein Gast aufm Podium ist, wenn er nicht den ganzen Abend Zeit hat lädt man ihn halt nicht ein.
Ich merke grade, dass ich gar keine Lust habe, die ganzen Argumente hier harklein aufzuzählen, Christian Bahls hat ja schon ein Protokoll ins Netz gestellt, es gibt auch andere die schon drüber gebloggt haben. Deswegen beschränke ich mich hier jetzt mal auf total subjektive Eindrücke:
Aus Sicht der Wikipedia-Mitarbeiter ist alles Bingobongo. Zwar gibt es ein paar Probleme mit der Arbeitslast der Admins, aber das ist halt so. Relevanzkriterien sind wichtig, weil sonst könnte ja jeder alles reinschreiben. Knut Johansson ist ein selbstgefälliger und arrogant wirkender Wikipedianer, gerne würde ich „vor dem Herrn“ in den Satz einbauen, dafür hab ich ihn aber nicht gut genug formuliert. Lange Rede kurzer Sinn: Für Johansson ist der Satz „Na ja, das ist jetzt so ein Sturm im Wasserglas der Blogosphäre, die Printmedien haben ja nicht drüber berichtet und in drei Wochen interessiert es eh niemanden mehr“ tatsächlich ein Argument, dass bei der Wikipedia alles in Ordnung ist und man auf das geleistete nicht nur stolz sein kann, sondern es auch als Begründung dafür nehmen, seinen Arsch in Zukunft auf seinen Lorbeeren breit zu hocken. (Wenn der schwäbische Darth Vader das sagt klingt das irgendwie besser)
Was mich ebenfalls sehr wunderte: Beim anschließenden Essen im Italiener um die Ecke (den ich nur sehr empfehlen kann, ist in der Motzstr. 11, es gibt dort ne Lachs-Hummer-Wodkasoße an die Gnocchi, irre) machten die meisten Wikipedia-Mitarbeiter auf mich den Eindruck, sie frönen dem Sport sich die allerschlimmsten Dinge vorzustellen, wenn man ein wenig mehr Freiraum in der Wikipedia zulassen würde. Ich habe ja in der Diskussion vor Ort gesagt, dass ich nicht verstehe, warum der Wikipediaeintrag über mich mehrmals gelöscht wurde, obwohl ich ja explizit will, dass ich dort drin stehe. Pavel Richter fragte mich dann noch mal, warum ich den Artikel denn reingestellt habe. Ich sagte, einmal aus Eitelkeit und natürlich so als Experiment, einfach um mal zu sehen was passiert. Die Löschdiskussion beim letzten Mal war auch ganz interessant, sie ging so:
SLA mit Einspruch: irrelevant —HAL 9000 04:25, 27. Aug. 2009 (CEST)}}
Bei dem Medienrummel, den die PIRATEN aktuell verursachen, wäre eine Argumentation wie Selbstdarstellung effektiver als “Irrelevanz”, denn eine Irrelevanz kann zumindest ich hieraus nicht ablesen = EINSPRUCH. Grand-Duc 04:29, 27. Aug. 2009 (CEST)
(Übertragen: wtrsv 04:33, 27. Aug. 2009 (CEST))
Hat studiert, ist seit zwei Monaten Parteimitglied und nennt sich jetzt Politiker. Eindeutig irrelevant, Löschen — wtrsv 04:35, 27. Aug. 2009 (CEST)
Die Relevanzkriteriern Für Politiker werden eindeutig nicht erreicht. Worüber möchtest du da diskutieren? Der Mann ist einfaches Mitglied sonst nichts. —HAL 9000 04:33, 27. Aug. 2009 (CEST)
Und wo kann man Relevanz rauslesen? Student, der “Mitglied” der Partei ist. Kein Vorsitzender, noch nicht mal Kandidat für irgendeinen Posten - Selbst unter dem Mikroskop ist derzeit keinerlei Relevanz erkennbar - - WolfgangS 04:37, 27. Aug. 2009 (CEST)
Bitte achtet darauf, dass sich das um vier Uhr morgens abspielte, an einem Donnerstag, was ja jetzt vielleicht auch einiges über die Leute aussagt, die dort schalten und walten.
Na auf jeden Fall meinte dann dieser Pavel Richter zu mir, ja, wenn man jetzt die Kriterien lockern würde, dann könnte ja meine Exfreundin reinschreiben, dass ich schlecht im Bett bin, wo kämen wir da denn hin. Da meinte ich na ja, dann können ja die Frauen dies geil fanden reinschreiben, dass sie es geil fanden. Es war natürlich ultrablöd von mir überhaupt auf diese Quatschargumente einzugehen, ich hätte einfach sagen sollen: Entschuldigung, aber ihre Argumente sind so blöd, dass ich anfange zu schweigen und nie wieder aufhöre damit. Ich allerdings kann jetzt natürlich wiederum wunderbar behaupten: Aus Sicht des Geschäftsführers der Wikimedia Deutschland ist der Grund, warum die Relevanzkriterien nicht gelockert werden der, dass dann Ex-Freundinnen in Artikeln über meine Person reinschreiben könnten, dass ich schlecht im Bett bin. Alles klar. Zum Thema Schnellöschantrag zum Artikel über mich sinngemäß: Na ja, der wurde ja vorher schon ein paar Mal gelöscht, dann kann der neue ja nicht gut sein.
Mittlerweile ist er ja komplett gesperrt, das heißt man kann in der Deutschen Wikipedia keinen Artikel über Christopher Lauer anlegen. Jetzt ist mir z.B. bewusst, dass es in Deutschland mehrere Menschen gibt, die so heißen. Wenn jetzt einer von denen irgendwas werden würde, was die Relevanzkriterien der Wikipedia Deutschland für relevant halten, dann könnte er keinen Artikel über sich anlegen, andere auch nicht, prost Mahlzeit.
Mit der Pressesprecherin der von Wikimedia Deutschland zu sprechen war ähnlich unlustig. Erstens meinte sie, dass die Tagesschau oder Printmedien ja auch Relevanzkriterien hätten für die sich keiner interessiert und zweitens ist ja alles gar nicht so schlimm. Ich habe mir verkniffen sowas wie „Na klar, mit der Begründung könnte ich auch aufhören Kindern was zu essen zu geben, weil sie in Afrika ja auch verhungern und ich ihnen das, wenn sie sich beschweren einfach unter die Nase reibe“ zu sagen. Zwar fragte sie mich, wie man meiner Meinung nach mehr Menschen dazu bekommt Einträge in der Wikipedia zu machen, meiner Antwort hörte sie dann aber nicht mehr so richtig zu, als sie merkte, dass sie ihr nicht gefiel. Ich meinte z.B., na ja, die Wikipedia ist halt die Wikipedia, wenn ich mir dort nen Account klicke kann ich halt dort Artikel schreiben, sonst nichts. Wie wärs denn meinte ich, wenn man z.B. mit seinem StudiVZ oder Facebook Account auch direkt auf Wikipedia schreiben kann und dann die Freunde sehen, welche Artikel man editiert hat. Ne, das wäre ja jetzt nicht das Problem, papperlapapp und dass mehr junge Leute in der Wikipedia rumschreiben sollten hätte sie ja so nie gesagt. Okay, mehr Leute sollen reinschreiben, aber nicht mehr junge Leute, alles klar.
Mir ging während des Essens und eigentlich auch schon davor diese Haltung auf den Sack sich so unheimlich selbstgefällig hinzustellen und einem jedes Wort im Mund so lange rumzudrehen, dass man überhaupt keine Lust mehr hat mit diesen Menschen zu reden. Das war insgesamt eine Haltung, die mir bei allen Mitarbeitern der Wikipedia auffiel. Man fragte zwar, was man besser machen könnte, wenn die Antwort aber nicht in den Kram passte stellte man sich auf taub oder brachte so bescheuerte Argumente wie die eben genannten. Die Bereitschaft sich tatsächlich mit den Problemen der Wikipedia, mit ihrer Verkrustung auseinander zu setzen, besteht meiner Meinung nach überhaupt nicht. Man registriert zwar irgendwie, dass es irgendwo Leute gibt, die möglicherweise unzufrieden sind, aber das wars auch schon.
Alleine für dieses arrogante und uneinsichtige Verhalten hätte es die Wikipedia meiner Meinung nach verdient geforket zu werden. Von sich aus werden die jetzt aktiven Wikipedianer sicher nichts an den Strukturen verändern.
Ein anderes Grundsätzliches Problem was ich sehe ist das Selbstverständnis der aktiven Wikipedianer darüber, was die Wikipedia ist und wie sie von den Usern wahrgenommen werden. Es scheint bei den Admins die Bestrebung zu geben, die Wikipedia zu einer Enzylklopädie zu machen, die mit dem Brockhaus konkurrieren kann. Als Internetmedium mit einem Printmedium konkurrieren zu wollen ist in etwa so, als würde ich heute nochmal die MC und den Walkman erfinden und als großen iPod-Killer ankündigen. Mit dieser Haltung beschneidet sich die Wikipedia ihrer eigenen Möglichkeiten, aber das wird an anderer Stelle glaube ich besser und fundierter Diskutiert als hier.
Bei all meiner Ungnädigkeit kann ich mir aber auf der anderen Seite auch gut vorstellen, warum die so drauf sind wie sie drauf sind: Man arbeitet sich den ganzen Tag den Arsch wund für dieses Projekt, man identifiziert sich sehr stark damit, und dann kommen Menschen die noch nie nen Artikel oder sonst was geschrieben haben und wollen den alten jetzt auf einmal sagen wie sie ihre Enzyklopädie zu betreiben haben. Das man solche Menschen nicht mit Kusshand empfängt ist mir irgendwie klar. Auf der anderen Seite muss die Wikipedia wirklich gucken, dass sie ihre verkrusteten Strukturen reformiert bekommt, weil sonst interessiert es echt keinen mehr, irgendeiner der Fork-Versuche ist erfolgreich und dann benutzen wir halt in ein paar Jahren eine andere Online-Enzyklopädie.
Eine Konkurrenz mehrerer Online-Angebote halte ich eh für sinnvoller, ein Monopol, grade bei Wissen, ist nie gut.
-
ftf liked this
-
neunetz liked this
-
gillyberlin liked this
-
schmidtlepp posted this