Ein Lehrstück in Sachen Transparenz

Uns ist ja allen bewusst, dass das Internet nichts vergisst, und wenn doch, dann findet sich bestimmt jemand, der in seinem Hirn oder seiner Festplatte Material aller Art archiviert hat und nur darauf wartet es zu verwenden. Im Guten wie im Bösen.

Es wird in diesem Blogbeitrag um mich gehen, und darüber, dass das Internet etwas über mich nicht vergessen hat.

Heute rief mich Thorsten Wirth an, um mir mitzuteilen, dass ein Journalist der Süddeutschen Zeitung, dessen Namen er mir nicht nennen wollte, ihn auf Gästebucheinträge hingewiesen hätte, die ich 2007 auf dem Jugendportal der Süddeutschen Zeitung, jetzt.de getätigt habe. Thorsten äußerte folgende Befürchtung: Einige der Aussagen könnten nach meiner möglichen Wahl in den Bundesvorstand von der Presse gegen mich oder gegen die Piratenpartei verwendet werden.

Das mag sein, lässt sich aber nicht ändern. Wie sich auch die Vergangenheit nicht ändern lässt.

Ich veröffentliche diese 2007er Gästebucheinträge an dieser Stelle um Folgendes zu verdeutlichen:

Wenn uns das Thema Transparenz so wichtig ist, wie wir es immer behaupten, dann müssen wir auch damit klarkommen, dass drei Jahre alte Gästebuch- oder Forenbeiträge über uns veröffentlicht werden und ggf. gegen uns verwendet werden können.

Erpressbar wird meiner Meinung nach nur der, der im Spannungsfeld zwischen dem Wunsch unangenehmes geheim zu halten und der Angst vor Veröffentlichung desselben, alles dafür tut, damit unangenehme Dinge nicht veröffentlicht werden.

Wer meint in Zukunft irgendwelche Dinge, die ich auf jetzt.de oder anderen Seiten irgendwann mal gesagt habe veröffentlichen oder mich damit konfrontieren zu müssen, der kann das gerne machen und bekommt von mir ein Eis.

Worum geht es genau?

Seit dem 6.10.2003 bin ich Mitglied der Online-Communitiy jetzt.de. Damals war jetzt.de eine der ersten Seiten, auf der User Content in Form von Texten hochladen konnten. Noch bevor es das Wort „Bloggen“ in Deutschland gab, war es auf jetzt.de für ausgewählte User möglich. Damals hieß das Tagebuch.

Der Untere Ausschnitt sind Gespräche, die zwischen dem 25.5.2007 und 13.9.2007 mit dem Communitymanager der Seite, Sebastian Mraczny in unseren Gästebüchern stattfanden. Leider ist ein ordentlicher Deep-Link nicht möglich, d.h. ihr werdet im Zweifelsfall ein wenig danach suchen müssen. Sebastian Mracznys Antworten sind leider nicht mehr erhalten, da ich die Einträge in meinem Gästebuch immer Zeitnah löschte, manchmal vergisst das Internet wohl doch etwas.

Grundsätzlich kann ich zu den Einträgen sagen, dass es halt drei Jahre her ist und ich es mittlerweile anders, vor allem differenzierter sehe. Ich lehne Gewalt, rechte wie linke ab, setze sie jedoch nicht gleich. Es gibt sehr wohl einen qualitativen Unterschied darin, ob jemand ein Asylantenheim oder einen Porsche Cayenne anzündet. Mir liegen beide Bewegungen fern.

Zu meinen Äußerungen gegenüber Muslimen kann ich sagen, dass sich hier meine Meinung und Wahrnehmung stark geändert hat, was durch meine Erwiderungen auf Aaron Koenigs Entgleisungen hoffentlich klar geworden sein sollte.

Wir waren mit unserer Crew Ende letzten Jahres in der Khadija-Moschee und ich fand es sehr interessant. Generell sehe ich natürlich noch immer ein Problem darin, dass die Unsicherheit und die Ängste die eigenen Lebensverhältnisse betreffend bei vielen Menschen auch heute noch dazu führen, ihre Vorurteile auf Minderheiten zu projizieren.

Sollten durch diese Gästebucheinträge Fragen oder Unklarheiten entstehen, so könnt ihr sie gerne in den Kommentaren, am besten aber auf meiner Kandidatenseite im Wiki stellen.

Hier also der Auszug aus dem Gästebuch, die Antworten Sebastian Mracznys gibt es wie gesagt nicht mehr:



CommodoreSchmidtlepp 25.05.2007 | 14:43
Na alles klar.

CommodoreSchmidtlepp 25.05.2007 | 14:45
Bei euch auch so warm?

CommodoreSchmidtlepp 25.05.2007 | 14:53
Nein, nein, schwitz ruhig, das ist wild.
Nie seine Ursprünge verneinen. Hab gestern ein interessantes Buch zu ende gelesen, da stand drin, dass es zwischen neolitischer Revolution und heute ja nur 150 Generationen sind, schon krass.

CommodoreSchmidtlepp 25.05.2007 | 14:57
Ich eigentlich auch. Aber in letzter Zeit frage ich mich immer öfter: Für wen, für was?

CommodoreSchmidtlepp 25.05.2007 | 15:00
Na ja, könnte man durchaus so sehen.

Und die Antisemitismusvorlesung ist übrigens der Knaller.

CommodoreSchmidtlepp 25.05.2007 | 15:04
Hmja.
Man führt auch ganz komische Gespräche im Aufzug:
“Antisemitismus ist super” usw. da wissen halt nur die eingeweihten worum es geht.

CommodoreSchmidtlepp 25.05.2007 | 15:53
Was sind denn “Antideutsche”?

CommodoreSchmidtlepp 25.05.2007 | 15:58
Ach so, Du meinst Leute die in Friedrichshain wohnen.
Ne, ich komme glücklicherweise mit solchen Menschen nie in Kontakt. Und wenn, dann spreche ich nicht mit ihnen ;)

CommodoreSchmidtlepp 25.05.2007 | 15:59
Ja, sie sind schon faszinierend, aber eher auf so eine abartige Weise.

CommodoreSchmidtlepp 25.05.2007 | 16:02
Haha, ist Dir sowas schon passiert, ja?

CommodoreSchmidtlepp 25.05.2007 | 16:08
Wow, und wir kam er darauf?

CommodoreSchmidtlepp 25.05.2007 | 16:12
Haha, aber wenn man diese “keine Toleranz”-Logik auf ihn anwendete, wäre er wahrscheinlich der erste an der Wand.

Ich glaube man sollte nur noch Nachos essen und Monty Python auf DVD gucken.

CommodoreSchmidtlepp 25.05.2007 | 16:18
Ich fände das nicht witzig. Ich leide eh unter Verfolgungswahn und sowas würde mir den Rest geben.

CommodoreSchmidtlepp 25.05.2007 | 16:23
Ja gut. Die labern ja eh nur und flüchten sich in ihre Theorien um nicht mit der Welt klarkommen zu müssen.
Aber Muselmänner mag ich auch nicht ;)

CommodoreSchmidtlepp 25.05.2007 | 16:27
Nene, ich hab gar keine Angst das die mich wegsprengen oder meine Töchter ficken. Ich mag sie einfach nicht.

CommodoreSchmidtlepp 25.05.2007 | 16:29
Ich bin halt ein Kind der Zeit. Mir ist durchaus bewusst, dass die Vorurteile die ich Muslimen gegenüber habe mit dem vergleichbar sind, was die Menschen Anfang des 20. Jh. über die Juden dachten.
Wobei es natürlich andere Vorurteile sind. Ich bin einfach von ihnen genervt, so wie man von kleinen Kindern genervt ist, die in der Bahn Handyklingeltöne testen.

CommodoreSchmidtlepp 25.05.2007 | 16:41
Ach ich weiß ja das meine Ansichten Quark sind. Ich bin jetzt auch nicht jemand der Aktiv dafür eintritt diesen Menschen schlechtes zu tun und ich würde auch sicher einem Muselmann helfen, wenn er sich einem tätlichen Angriff ausgesetzt sieht. Aber irgendwie so insgesamt sind sie mir halt unsympathisch. Ich weiß halt, dass es ne Projektionsfläche ist. Ich weiß aber auch, dass den Moslems wahrscheinlich so was ähnliches wie die Juden im dritten Reich passieren wird. Man wird sogar sagen: Ja, die Juden, die waren damals unschuldig, aber die Moslems, die sind ja alle gewaltbereit und so.

CommodoreSchmidtlepp 25.05.2007 | 16:54
Ja aber der Rassismus hat in Deutschland nicht mit dem 8.5.1945 aufgehört, im Gegenteil. Ich habe Dir ja schon erklärt, dass mir durchaus bewusst ist, dass meine Ansichten eher Quark sind, jeder Grundlage entbehren und das ich auch nicht vorhabe praktische Konsequenzen daraus zu ziehen.

Ich schreib jetzt einen Brief an MERCER Consulting, die haben den Arsch offen.

CommodoreSchmidtlepp 25.05.2007 | 16:47
Ich finde man sollte alles sagen dürfen was man denkt, auch wenn das viele Leute stört. Ach, schöne neue Welt und so, aber Monty Python ist ja für mich da.

CommodoreSchmidtlepp 25.05.2007 | 17:01
Das ist ne Unternehmensberatung.
Und die Anzeige in einem Uniheftchen ging so:

“GMAT 800 Punkte
Studium in sieben Semestern
Japanisch verhandlungssicher

Schon ganz gut
Aber Mercer will mehr”

dann kommt son verkackter Text von wegen sie suchen Persönlichkeiten blabla.

CommodoreSchmidtlepp 25.05.2007 | 17:09
Lass mir meinem Spaß, ich hab mich auch mal bei RWE für die Stelle von Laurenz Meyer beworben und ein sehr nettes Eisschreiben zurückbekommen.

CommodoreSchmidtlepp 25.05.2007 | 17:19
Du kannst mich gerne als Rassisten hinstellen, was ich nicht bin, das weißt Du. Ja das Eisschreiben war auch sehr nett. Aber dieses Anschreiben, haha, das wird noch um einiges geiler.

CommodoreSchmidtlepp 25.05.2007 | 17:22
Jaja ich weiß.
Wieviele Bewerbungen und Antworten darauf muss ich verfassen, damit ich bei jetzt.de eine eigene Serie damit bekomme? ;)

CommodoreSchmidtlepp 25.05.2007 | 17:29
Jagut.
So, heute wird mit dem Magazin alles gut laufen? ;)

CommodoreSchmidtlepp 25.05.2007 | 17:33
Weils doch letztes Mal hakte.
Sowas.

CommodoreSchmidtlepp 25.05.2007 | 17:37
Jaja, mir fällt auch grade nicht mehr so viel ein.
Bin ganz hin und weg über das Meisterstückchen von einem Anschreiben was mir da gelungen ist.

[…]
CommodoreSchmidtlepp 27.08.2007 | 12:16
Oh Gott. Das hier ist nicht Privat, das hier ist öffentlich. Wenn man was privat regeln will kann man ne Botschaft schreiben. Hm, aber ja, gehen wir auf die Kloppos ein, das Geheimnis einer funktionierenden Demokratie ;)
[…]

CommodoreSchmidtlepp 13.09.2007 | 21:31
Huhu, konnt heut leider nicht mitchatten, turnte durch Berlin auf der Jagd nach Büchern. Und ich war, das interessiert Dich sicherlich, auf der Sommeruni des Zentrums für Antisemitismusforschung und haha, es waren auch geile Linke da ;)

CommodoreSchmidtlepp 13.09.2007 | 21:38
Ne, aber schon extremere Linke, die sich ein bisschen beim NPD-Mann beschimpfen blamierten, zumindest in meinen Augen. Ich meine man kann dem an so vielen Ecken auflauern, warum muss man ihn im Hörsaal beschimpfen. Der wird doch auf der nächsten Veranstaltung erzählen das er als Demokrat (die sehen sich ja als sowas) von linksradikalen beschimpft wurde, auf einer Universitätveranstaltung die prinzipiell für alle offen war.

CommodoreSchmidtlepp 13.09.2007 | 21:47
Haha die Linke in Deutschland ist sowas von tot. Am besten fand ich einen vermummten autonomen, der, nachdem die Veranstaltung schon 10-15 Minuten gestört wurde: “Seht ihr denn nicht wie er sich in eurer Aufmerksamkeit suhlt”. Haha.
Wie gesagt, die NPD ist scheiße, aber der Mann hatte zu diesem Zeitpunkt absolut nichts gesagt. Der hat die ganzen Aktivisten nur durch da sein so provoziert, dass sie nicht mehr konnten. Bemerkenswert.

CommodoreSchmidtlepp 13.09.2007 | 21:52
Man konnte sich da anmelden und 30 Euro bezahlen und teilnehmen. Der war nicht eingeladen, hat sich aber angemeldet. Und so lange er nichts illegales macht darf er auch da sein, eine Uni muss sich halt an Gesetze halten.

CommodoreSchmidtlepp 13.09.2007 | 21:55
NEINNEINNEIN. Um Gottes Willen. Die linken stellen das im Internet zwar ein wenig so dar, der war da aber wirklich nur als Mensch der sich da angemeldet hat. Das ist natürlich doof, aber man kann grade eben nicht auf einem Kongress der sich mit Vorurteilen und Ausgrenzung beschäftigt jemanden wegschicken weil er NPD Mann, leider auch noch recht hoher Kader, ist.

CommodoreSchmidtlepp 13.09.2007 | 22:05
Warum ist der mutig? Gehört doch nichts dazu. Ich meine der kalkuliert natürlich mit der Eskalation, dem wäre nichts lieber als von ein paar linken eins aufs maul zu bekommen, das haben sie sich aber nicht getraut, obwohl in einem Internetbericht drinsteht, dass er es zumindest verdient hat. Ich hab mich nur gewundert wie man als antifaschist so doof sein kann und den im Plenum stellt. Wenn man es dem besorgen will hält man die Klappe und wartet bis er aufs Klo muss. Tsss.

CommodoreSchmidtlepp 13.09.2007 | 22:12
Nun, ich frage mich ob man Menschen die den Rechtsstaat abschaffen wollen diesen auch zukommen lassen sollte. Aber ja, Gewalt ist keine Lösung, und das ist jetzt nur ein Spruch, es ist naiv zu glauben jemanden mit einem Schlag in die Fresse befrieden zu können. Das ist aber auch egal. Man muss bei dem Verhalten der Linken einfach sagen: 1 zu 0 für die NPD, leider. Hui, die sind so blöd, die finden es wahrscheinlich nur unerträglich das sie nicht so viel Zulauf wie die Rechten haben.

CommodoreSchmidtlepp 13.09.2007 | 22:18
Ja, die vertreten allerdings auch Meinungen die man so oder so ähnlich bei der NPD findet. Und ich glaube das die schweigende Mehrheit bei der NPD größer sein könnte als man denkt.

CommodoreSchmidtlepp 13.09.2007 | 22:26
Einmal möchten beide Parteien unser Gesellschaftssystem radikal ändern und dann gibts es Grade was Israel angeht Meinungen, die werden Deckungsgleich geäußert. Aber konkret habe ich jetzt auch nichts. Kann mich noch an diese Rede von Lafontaine erinnern in der er Arbeitsplätze für Deutsche und nicht ausländische Fachkräfte fordert. Aber weils mich selbst interessiert werde ich mal die Tage nachforschen. So, muss jetzt los.

Die Presse, Lena Simon und die Piratinnen

Durch die in den letzten beiden Wochen aufgeflammte „Frauen bei den Piraten“-Debatte musste ich viel über ein Thema nachdenken, dass mich zum ersten Mal im Bundestagswahlkampf beschäftigte. Die Frage die ich mir schon damals stellte war, inwiefern die Strukturen innerhalb der Piratenpartei davon bestimmt werden, wie erfolgreich diese darin sind, mit den etablierten Medien zu kommunizieren, insbesondere die Fähigkeit der Strukturen Themen in den Medien zu setzen.

Daher setzt sich der folgende Beitrag vor allem mit dem Spiel zwischen Partei und Medien im Allgemeinen und den Auswirkungen Lena Simons Pressemitteilung im Speziellen auseinander.

Damals fiel mir bei Interviews und Gesprächen mit Journalisten auf, dass diese an einem Punkt des Gespräches immer erfahren wollten, welches Amt oder welche Funktion man innerhalb der Partei ausfüllt. Egal wie ausführlich man den Basisdemokratischen Ansatz der Piraten vorstellte, egal wie vehement man auf in Entwicklung befindliche Liquid Democracy Systeme verwies, die Frage wurde gestellt und diente offenbar dazu, dass eben Gehörte in seiner Relevanz einzuordnen. Hierbei schien für die Medienvertreter der Grad an Relevanz der Aussagen immer mit der offiziellen Rolle innerhalb der Partei einherzugehen. Es mag eine subjektive Einschätzung von mir sein, aber ich hatte das Gefühl, dass die Enttäuschung regelrecht spürbar war, wenn man ihnen nach einem interessanten Gespräch mitteilte, dass man „einfacher Pirat“ sei.

Das die Medien Funktionsträgern eine höhere Relevanz und Glaubwürdigkeit beimessen als einem Mitglied ohne offizielle Funktion ist aus verschiedenen Gründen verständlich. Historisch gesehen schlagen sie sich seit mehr als 100 Jahren mit offiziellen Vertretern von Parteien herum, ich würde behaupten, dass es sich als erfolgversprechendes Konzept erwiesen hat, Parteivorsitzende und Mandatsträger zu aktuellen politischen Themen zu interviewen, statt zuallererst bei der Basis nachzufragen. Außerdem ist davon auszugehen, dass auch in der Bevölkerung die Aussage eines Vorsitzenden von egal was als relevanter wahrgenommen wird. Weiterhin ist es bei den etablierten Parteien üblich, dass das Setzen von Themen und die Programmentwicklung von oben herab stattfinden. Das bedeutet, dass diese Parteien für die Ausarbeitung und Popularisierung ihrer Konzepte auf Medien angewiesen sind, die über ihre Berichterstattung Themen wieder in die Partei tragen und dort mehrheitsfähig machen. Nicht zu unterschätzen dürfte auch der Glaube sein, dass eine Person, die an der Spitze einer Partei oder einer ihrer Untergliederungen steht, eine besondere Kompetenz oder Fähigkeit vorzuweisen hat, da sie ansonsten nicht die Mehrheiten bekommen hätte, die für die Wahl in ein solches Amt notwendig sind.

Die Medien erfassen also vor allem die offiziellen Verantwortungs- und Entscheidungsstrukturen einer Partei, wenn es um politische Aussagen dieser geht. Die informellen Strukturen, die nur Parteimitgliedern bekannt sind, werden aus verschiedenen Gründen nicht abgebildet. Ausschlaggebend dürfte an dieser Stelle vor allem der enorme Rechercheaufwand sein, der nötig wäre ein so großes soziales Gefüge adäquat abzubilden. Das ist nicht unmöglich, wie Michael Schomers bei den Republikanern bewies, aber erstens sind die meisten Medienvertreter eher weniger Schomers oder gar Wallraff und zweitens stellen auch solche investigative Reportagen nur eine Momentaufnahme dar. Gleichzeitig geht es um Überprüfbarkeit: Es ist leichter herauszufinden, ob Person XY tatsächlich Vorstandsvorsitzender in Berlin ist, als zu recherchieren, ob sie wirklich das Parteiprogramm geschrieben hat.

Dies stellt für die Struktur der Piraten ein ernstzunehmendes Problem dar: Wenn die Möglichkeit gehört zu werden nur dadurch besteht, dass man ein Amt oder Mandat inne hat, ist es natürlich reizvoller innerparteiliche Strukturen aufzubauen, die die von den Medien indirekt geforderten besser abbilden können. In diesem Schema ist ein z.B. in Liquid Feedback durch mehrere Nutzer ausgearbeiteter Antrag oder Gesetzesentwurf nur schlecht vermittelbar, da sich die Stellung einzelner Akteure innerhalb der Partei ständig verändert. Der Antrag wird als Meinung der Piratenpartei dargestellt werden, zu dem Vertreter der offiziellen Verantwortungsstrukturen Stellung beziehen müssen.

Hier wäre es wichtig, dass die Pressestellen der Partei Konzepte entwickeln, um diesem Mechanismus entgegen wirken zu können. Gleichzeitig sollten Verantwortungsträger innerhalb der Partei strikt auf die in der jeweiligen Sache federführenden Piraten verweisen. Die Piraten sollten eher die Presse in ihrem Stil der Recherche und Informationsbeschaffung verändern, als sich ihre Struktur durch den Stil der Berichterstattung aufdrücken zu lassen. Das wir hier wahrscheinlich nur punktuell Dinge verändern können ist mir bewusst, aber steter Tropfen höhlt den Stein, wie es so schön heißt.

Lena Simon und die Piratinnen

Lena Simons Vorgehen bei der Bekanntmachung der Piratinnen ist insofern bemerkenswert, als es uns einen Einfallspunkt aufgezeigt hat, der genutzt werden kann um die Piraten mit einem Thema zu verknüpfen, unabhängig davon, ob es momentan in der Partei diskutiert wird oder nicht.

Hierzu waren meiner Meinung nach drei Dinge nötig:

  • Erstens die Landesmitgliederversammlung der Piraten Berlin, zu der über den Berliner Presseverteiler eingeladen worden ist. Dies sorgte bei den entsprechenden Medien für den Samstag der LMV für entsprechende Aufmerksamkeit.
  • Zweitens hatte Lena Simon über persönliche Kontakte Zugriff auf den Presseverteiler des FoeBuD e.V. Dieser dürfte eine hohe Übereinstimmung mit dem Verteiler der Berliner Piraten haben.
  • Drittens hat Lena Simon eine sehr professionelle Pressemitteilung verfasst, die beim Lesen den Eindruck erweckt, sie sei eine offizielle Mitteilung der Piratenpartei Berlin. Durch die Veröffentlichung am 27.2. dem ersten Tag der Berliner LMV, wird dieser Eindruck noch verstärkt und Tagesaktualität hergestellt.


Gleichzeitig lassen sich die von Simon ins Spiel gebrachten Piratinnen sehr leicht auf „in der Piratenpartei werden Frauen diskriminiert“ herunter brechen. Der Aufwand ein solches Thema Medial aufzubereiten ist deutlich einfacher, als die Relevanz und Tragweite des Liquid Democracy Beschlusses oder des Spendenbeschlusses darzustellen. Außerdem ist das Thema Piratinnen durch Simon mit einer Person verknüpft und dadurch weniger Abstrakt. Das die Geschlechterfrage in der Wahrnehmung der meisten Piraten überhaupt keine Rolle spielt ist hierbei egal.

Verfolgt man die Mediale Debatte, so wird deutlich, dass es bei dem Thema Frauen in der Piratenpartei bleibt. Es wird vermieden zu versuchen die Debatte breiter zu fassen und die Frage zu stellen, warum bei allen Deutschen Parteien die Frauen in der Unterzahl sind. Dies ist meiner Meinung nach zu einem gewissen Grad Kalkül: Denn Berichterstattung über die Piraten, vor allem im Internet, zieht unmittelbar Seitenaufrufe nach sich. Im Wahlkampf twitterte ich einmal sinngemäß, wie schade es sei, dass ich Pirat bin, sonst könnte ich mit dem Stänkern über Piraten Aufmerksamkeit erzeugen.

Das passiert ja auch derzeit im Netz. An verschiedenen Stellen, von denen ich hier nur zwei zitieren möchte, fühlt man sich berufen seine Meinung zum Thema abzugeben. Zum Beispiel im Blog Mädchenmannschaft, in dem man die Piraten äußerst gut zu kennen scheint, oder eben nicht. Es ist eine Meinungsäußerung, die beim geneigten Leser, insofern er Pirat ist, Unverständnis auslöst, da sie sich vor allem durch Unkenntnis der internen Strukturen der Partei auszeichnet. Wobei wir wieder beim anfänglich aufgezeigten Problem wären: Medien bilden vor allem die offiziellen Strukturen und das Bild was die Partei nach außen gibt ab. Niemand macht sich die Mühe zu versuchen, die komplexen Vorgänge in der Partei zu verstehen und Außenstehenden zu vermitteln. Dies ist erst mal eine ganz nüchterne Feststellung. Bei sich aufregenden Piraten sollte dies aber immer im Fordergrund sein, wenn sie kommentieren: Die Autoren der Einlassungen über die Piratenpartei haben meistens überhaupt keine Ahnung von unseren internen Prozessen, sie schreiben über etwas, was sich ihnen flüchtig über die Medien die sie konsumieren dargestellt hat. Abschreiben vom abschreiben vom abschreiben. Dass durch diese Herangehensweise nichts außer einer sehr subjektiven Meinungsäußerung entstehen kann, sollte jedem der sich geneigt fühlt das geschriebene zu kommentieren klar sein. Hier ist Milde mit den Unwissenden angesagt und nicht die vorschlaghammerhafte Wucht einer mehr oder minder wohlfeil formulierten Tirade.

Fast sinnfreier ist dann die Entschuldigung der DE:BUG, die Piraten zur Wahl empfohlen zu haben. Das ist natürlich eine gezielte Provokation in Richtung aller Piraten und ein gemein machen mit denen, die sich ähnlich wie die Autorin bei der Mädchenmannschaft an ihrem Eindruck der Vorgänge innerhalb der Piraten stören. Abgesehen davon kann man sich nicht für eine Wahlempfehlung entschuldigen, man könnte höchstens sagen, heute würden wir sie nicht mehr empfehlen. Eine beliebte Variation dessen ist übrigens der „Ich würde euch ja empfehlen wenn“-Blogbeitrag.

Insgesamt hat uns aber Lena Simons Vorgehen gezeigt, dass wir uns gegen das Setzen von Themen durch die Medien zur Wehr setzen können müssen. Wir Piraten müssen unsere Themen aus uns heraus, in der Geschwindigkeit die wir dafür brauchen entwickeln. Alles andere führt zu unausgegorenen Schnellschüssen, die unsere Grundsätze in der Antizipation eines gedachten Wählerwillens verwässern. Wir müssen Strategien entwickeln die auch den Medien verständlich klar machen, dass gewisse Vorstöße aufgrund ihrer Form, nicht ihres Inhaltes, der Partei schmerzen bereiten.

Ich persönlich würde mich für eine Ordnungsmaßnahme gegen Simon aussprechen, kein Parteiausschluss aber eine Verwarnung, als klares Zeichen für alle Piraten, dass ein Versuch ein Thema über die Presse in die Partei hineinzudrücken nicht toleriert wird. Wenn Simon das Thema Gender und Gleichberechtigung der Geschlechter so wichtig ist, dann soll sie im Liquid, auf der Mailingliste, auf den vielen realen Treffen der Piraten in Berlin dafür Werbung machen und nicht über die Presse mit der Partei kommunizieren. Dadurch tut sie weder sich noch dem Thema einen Gefallen.